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  • doris rothauer

Best-Practice: Ein Museum setzt auf gute Nachbarschaft

Aktualisiert: Jan 18

Seit März 2019 gibt es auch im Wiener Belvedere21 eine Abteilung für Community Outreach. Hier geht es in erster Linie darum die unmittelbare Nachbarschaft des Museums aktiv ins Programm zu involvieren.


Community Outreach ist nun auch in Wien angekommen. Das Belvedere21 realisiert Projekte, mit denen man das lokale Umfeld des Museums und die verschiedenen Communities ansprechen möchte. Und, man wird auch außerhalb des Museums aktiv, wie zum Beispiel mit der EuroPride 2019. © eSeL.at

Was in Amerika schon lange zur Tradition in der Vermittlungsarbeit an Museen gehört, erfährt auch hierzulande immer mehr Aufmerksamkeit: das gezielte Ansprechen und aktive Einbeziehen unterschiedlichster communities im sozialen und geografischen Umfeld, die sonst nicht ins Museum gehen würden. „Community Outreach“ heißt der Begriff dazu, Diversität, Inklusion und Partizipation sind die grundlegenden Elemente und Leitbilder dieser Art von Kulturvermittlung, die sich dadurch vom traditionellen Zugang wesentlich unterscheidet.


„Mit Outreach erwirbt das Museum die Kompetenz, Beziehungen auf Augenhöhe auch zum nicht wissenschaftlichen Umfeld aufzubauen und die Chance zur Aktualisierung ihrer überlieferten Dingwelt“, schreiben die beiden Outreach-Exeprtinnen aus Deutschland, Ivana Scharf und Dagmar Wunderlich in einem Blog-Beitrag, der die Entwicklung und die Chancen für die Zukunft sehr lesenswert beleuchtet. Sie sehen Community Outreach als strategisches Instrument, welches das Museum nicht nur in seiner Aussenwahrnehmung, sondern auch nach Innen verändert. Auf ihrer Website finden sich zahlreiche spannende Beispiele aus der deutschen und internationalen Museumslandschaft.


Ein prominentes Best-Practice-Beispiel dafür gibt es seit kurzem auch in Wien. Die Generaldirektorin des Belvedere, Stella Rollig, hat die museumspolitische Entscheidung getroffen, eine neue Community Outreach Stelle einzurichten und diese bei den Kurator_innen anzusiedeln. Christiane Erharter, die zuvor bereits bei der ERSTE Stiftung langjährige Erfahrung im Bereich Social Development mit und über Kunst & Kultur sammeln konnte, ist seit knapp einem Jahr die Kuratorin für Community Outreach im Belvedere21. Ihre Aufgabe: Das lokale Umfeld des Museums und deren unterschiedlichste Communities aktiv in das Museums-Programm einzubinden und mit ihnen gemeinsam auch Projekte ausserhalb des Museums zu realisieren.


Mit dem Community Outreach-Programm will das Belvedere spezifische Formen der gemeinsamen Erfahrung von Inhalten und Gemeinschaftlichkeit schaffen. GEMEINSAME WAGNISSE findet immer an Samstagen statt. Das Museum lädt bei freiem Eintritt zu Diskussionen, Lesungen und Performances ein. © eSeL.at

Dazu muss man wissen, dass sich die Nachbarschaft des Belvedere21 mit dem neuen Stadtentwicklungsprojekt Sonnwendviertel gerade massiv verändert. Hier entsteht auf einem etwa 34 Hektar umfassenden Areal eines ehemaligen Frachtenbahnhofs ein neuer Stadtteil, der mit rund 5.000 Wohnungen für etwa 13.000 Menschen und 20.000 Arbeitsplätzen bis 2025 fertiggestellt sein soll.„


Es geht darum, diese neuen BewohnerInnen abzuholen und einzubeziehen. Wir wollen die Nachbarschaft als Teil des Museums sehen, und das Museum als Teil der neuen Nachbarschaft“, so beschreibt Christiane Erharter im Gespräch ihren Zugang.


Gestartet hat sie zunächst einmal mit der Erforschung der Nachbarschaft - „Mapping the Hood“, wie sie es nennt. Was sie dabei herausgefunden hat, ist einerseits eine geografisch starke Achse, die mit Kunst & Kultur gut bestückt ist – vom Karlsplatz über das Quartier Belvedere und das Arsenal bis zum Kulturzentrum Brotfabrik im 10. Bezirk – sowie eine interessante Struktur des neuen Sonnwendviertels.


„Hier dominieren Baugruppen, die sich bewusst für ein gemeinsames Leben und Wohnen entscheiden und dieses mitgestalten wollen.“

Und dann gibt es immer noch die bestehende und gewachsene Einwohnerstruktur des vormals traditionellen Arbeiterbezirkes. „Seit der Südbahnhof dem Hauptbahnhof gewichen ist und dieser 2014 voll in Betrieb genommen wurde, erweitert sich das Zentrum der Stadt zunehmend. Was früher an der Peripherie lag, rückt jetzt ins Zentrum. Beginnend mit den frühen 1950er Jahren bis Mitte der 1960er Jahre wurden am Südbahnhof die sogenannten „Gastarbeiter“ empfangen. In den 1990er Jahren kamen dort Flüchtlinge aus den Jugoslawienkriegen an und zuletzt 2015 Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Diese Migrations- und Fluchtbewegungen sowie die unmittelbare Nähe Wiens zu Ost- und Südosteuropa beschreiben Inhalte der Community Outreach“, so Christiane Erharter über ihren Ansatz.


Um das alles unter einen Hut zu bringen, wurde relativ rasch die Idee eines „Nachbarschaftsforums“ geboren, eine Veranstaltung zum Kennenlernen und Vernetzen, auf Einladung des Belvedere. „Uns war die Offenheit wichtig, einfach mal zu schauen was passiert. Also einerseits bewusst niederschwellig zu agieren, andererseits ganz klar das Belvedere als Absender der Einladung zu positionieren, durch persönliche, gezielte Ansprache der diversen Nachbarschaften und Institutionen.“


Das Community Outreach-Programm im Belvedere21 erfreut sich großer Beliebtheit – vielleicht setzen künftig mehr Museen Österreichs auf Nachbarschaftsprojekte wie dieses. Bedarf gibt es jedenfalls. © eSeL.at

Gestartet im Jänner 2019, findet das Forum aufgrund des grossen Zuspruches seither regelmässig statt, alle 6 Wochen. Jeder hat die Möglichkeit sich vorzustellen, sich mit Ideen einzubringen, und sich mit andern zu vernetzen. Trotz Ergebnisoffenheit gibt es eine klare zeitliche Struktur, limitiert auf 2 Stunden, eine Moderation, eine Protokollführung sowie das Prinzip des Konsenses. Mittlerweile haben sich verschiedene Arbeitsgruppen formiert, zum Beispiel um die Nachbarschaft auf einer Karte sichtbar zu machen, also eine Art Grätzelplan. Ein anderes Resultat ist das Projekt der Kennen-Lern-Rundgänge: 2-stündige Touren in der Nachbarschaft, die vom Museum als Treffpunkt aus starten.


Das Forum ist aber nur ein Teil – wenn auch ein ganz wichtiger Teil – der Community Outreach Aktivitäten, die sich laufend mit anderen Vermittlungsprojekten und Programmen des Hauses verbinden. So etwa bei der Veranstaltungsreihe „Gemeinsame Wagnisse“, wo neben Fachvorträgen und Künstlerbeiträgen auch Präsentationen von lokalen Gemeinschaftsprojekten und Baugruppen auf dem Programm standen und man gemeinsam gesellschaftlich aktuellen Fragen nachging: Wie steht es um das gute Leben für alle? Wie sieht eine solidarisch gelebte Nachbarschaft aus? Welchen Stellenwert haben Alltagsökonomien? Wie kann ein Museum wie das Belvedere queer gelesen werden? Wie funktioniert das Museum für alle?


„Wir wollen Synergien schaffen und Energien bündeln.“ Und das scheint zu gelingen, auf allen Ebenen!

Das Community Outreach Programm des Belvedere ist international gut eingebettet. Neben den üblichen USA Leuchtturm-Projekten wie PS1 oder Brooklyn Museum sind es im europäischen Kontext Casco Art Institute in Utrecht, die Tensta Kunsthalle in Stockholm oder die Oslo Biennale, die für Erharter ein Massstab sind.


Wichtig ist, dass die Aktivitäten nicht als Marketing-Massnahme zu sehen, um mehr Publikum ins Haus zu bringen, oder die eigene Sammlung auf neuartige Weise zu vermitteln. Auch wenn es Überschneidungen vor allem mit der Vermittlungsabteilung gibt, ist ihr der kuratorischer Ansatz und die Eigenständigkeit als neue Abteilung wichtig, ebenso wie ein Prinzip der „kurzen Wege“. Letzteres ist in einer so grossen Institution wie das Belvedere durchaus eine Herausforderung.

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