• doris rothauer

Lernen aus der Krise? 5 Tipps für die Zeit danach

Aktualisiert: Apr 15

Was wir von Kunst- und Kreativschaffenden in der Krise lernen können, um für die Zeit danach mit mehr Impact zu agieren.


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Wir sind derzeit mit einem noch nie dagewesenen Lockdown unseres gewohnten Lebens durch den Corona-Virus konfrontiert. Auch wenn es schwer fällt, sich im Krisenmodus auf das Positive zu konzentieren: Wir versuchen die Chance zu sehen, Inne zu halten und zu reflektieren. Wir, von Cultual Impact, denken darüber nach, welches Leben, welche Welt wir uns „nach Corona“ wünschen und was jeder Einzelne von uns für sich, in seinem Lebensumfeld, in seiner Arbeit, in seiner Organisation dazu beitragen kann.


Ja, wir sehen die einzigartige Chance, eine positive, verantwortungsvolle, nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft zu forcieren und mitzugestalten. Dazu müssen wir uns aber ein paar Fragen stellen: Vor welchen Herausforderungen stehen wir jetzt und in Zukunft? Was ist unsere Vision für eine bessere Welt? Welche Veränderungen sind notwendig, um unsere Visionen und Ziele zu erreichen? Was kann jeder Einzelne in seinem Umfeld dazu beitragen?


Um wirkungsorientiert denken und handeln zu können, sollten wir Kompetenzen entwickeln bzw. stärken, die manche bisher vernachlässigt haben oder die im „Business as usual“ untergegangen sind. Es sind Kompetenzen, wie wir sie derzeit, in der Krise, bei Kunst- und Kreativschaffenden beobachten können, weil sie zu ihren Kernkompetenzen gehören. Das ist durchaus ein Anlass zum Lernen.


Hier sind unsere Top 5:


Kreativität


Not macht erfinderisch, heisst ein Sprichwort. Das soll in Krisenzeiten wie diesen nicht ironisch klingen. Im Gegenteil, es ist eine Ermutigung, der eigenen Kreativität zu vertrauen und der Anderer zu folgen. Wie man aus der Not eine Tugend macht, führen uns derzeit viele Kunst- und Kreativschaffende vor, die mit ungewöhnlichen Initiativen und Angeboten ins Netz wandern, um der Corona-Krise zu trotzen. Dasselbe gilt für Kunstinstitutionen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt, und der Impact, die Wirkung, ist ungleich stärker und unmittelbarer als in Zeiten eines kulturellen „Normalkonsums“. Denn wir alle sind Betroffene von der Krise, in einem Ausnahmezustand, und daher bedürftiger, empfänglicher, offener, reflexiver.


“Arts and heritage can’t possibly fix coronavirus, but we can try and do something to help the sadness and fear”

sagt Adam Koszary, social media editor der Londoner Royal Academy of Arts in einem Interview mit der New York Times.


Dass Krisen und Notsituationen die Kreativität fördern, wissen wir auch aus der Neurologie. Ein wesentlicher Teil des Kreativprozesses im Gehirn ist das Gefühl der Frustration, des Nicht-mehr-weiter-Wissens. Erst das drohende Scheitern zwingt dazu, los zulassen, Neues auszuprobieren.


Kreativität ist ein Prozess, der aus einer Vielzahl von Vorgängen im Gehirn besteht, ein Wechselspiel neuronaler Aktivitäten. Kunst- und Kreativschaffende tun intuitiv das, was das Gehirn für kreative Momente braucht: Ablenkungen nachgehen, Gedankenspiele und Tagträume zulassen, Ort und Perspektive wechseln, sich in unbekannte Fachgebiete vor wagen, von Konventionen und Erwartungen loslassen, ungewöhnliche Fragen stellen, Irrelevantes oder scheinbar Nebensächliches in Betracht ziehen. Aber auch Rituale und formale Vorgaben, enorme Disziplin und Hartnäckigkeit, Streben nach höchster Perfektion gehören zum Repertoire. Sich in Spannungsfeldern zu bewegen und daraus kreative Energie zu schöpfen ist die Stärke von Künstlern und Kreativschaffenden, die ständig im Spannungsfeld von Chaos und Ordnung, Improvisation und Perfektion, Emotion und Rationalität agieren.


Der Impact – auf der individuellen wie gesellschaftlichen Ebene – ist groß: Künstlerische Kreativität kann ein Anstoß zum Umdenken sein, gerade in der jetzigen Krisensituation. Künstlerische Strategien und Methoden können uns zu einem neuen Denken und Handeln anleiten, das nach der Krise besonders wichtig sein wird. Schon Joseph Beuys wusste, dass die Kreativität das wichtigste Kapital des Menschen ist.



Resilienz


Die Künstlerin Liza Lou lädt auf ihrem Instragram-Account zu einer künstlerischen Mitmach-Aktion ein. In einem kurzen Video zeigt sie vor, wie aus alten Stoffresten eine cozy Decke zusammen geflickt werden kann. Die online Community wird auf charmante Weise so aktiviert. Copyright: Screenshot, Liza_Lou_Studio (9.4.2020)

Die Krise wird deutliche Spuren hinterlassen, auch bei den Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden. Das bedeutet, nicht nur in der Krise, sondern auch nach der Krise Resilienz aufzubauen, also Widerstandskräfte, um schwerwiegende Herausforderungen zu meistern und als Anlass für Weiterentwicklung zu nehmen. Museen beispielsweise werden eine Weile lang auf Kulturtouristen verzichten müssen. Sie werden sich wieder mehr auf lokale Communities fokussieren müssen, neue Angebote entwickeln müssen, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen.


Wie geht man mit all den derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen um? „Die Krise als Chance zu sehen, auch wenn man sich das so nicht gewünscht hat“, ist ein Zitat eines Künstlers, das mir im Kopf hängen geblieben ist. Wenn uns Autoren Einblick in ihre Corona-Tagebücher geben, dann können wir sehen und nachvollziehen, wie sie mit ihrer Angst, Unsicherheit, Verzweiflung umgehen, wie sie mit ihrer Kreativität Resilienz aufbauen. Wir sehen, wir sind nicht alleine mit unserer Angst, Unsicherheit, Verzweiflung. Wir können lernen, uns mit diesen Emotionen auseinanderzusetzen und sie so zu überwinden. Wenn Künstler sich jeden Tag eine neue Kunstaktivität einfallen lassen und sie ins Netz stellen, und zum Nachdenken, Mitmachen, Lachen motivieren, dann bauen sie damit ihre eigene Resilienz und die von uns allen auf. Das gleiche gilt für Museen und Kunstinstitutionen, die nicht resignieren, sondern #closedbutactive bleiben.


Resilienz ist eine Kernkompetenz von Kreativen. Sie sind grundsätzlich gewohnt und geübt im Umgang mit Unsicherheit, da in ihrer Lebens- und Arbeitswelt selten stabile Rahmenbedingungen vorherrschen. Sie sind gewohnt sich ständig auf neue Problemstellungen einzulassen und jedes Mal neuartige Lösungen zu finden, denn standardisierte Angebote und Routinetätigkeiten sind nicht ihr Kerngeschäft. Sie sind gewohnt, Höhen und Tiefen zu durchleben, und daraus ihre kreative Energie zu schöpfen. Es gehört zu ihrem Mindset, Entwicklungen stets zu hinterfragen, kritisch zu bleiben, sich Fehlentwicklungen zu widersetzen und ihre Widerstandskräfte gerade in kritischen Zeiten zu aktivieren, um daraus kreative Energie zu schöpfen.


Der Impact, der momentan dabei zu beobachten ist:


Kunstschaffende helfen, eine Art kollektive Resilienz aufzubauen. Auch das kann eine zukünftige Aufgabe und ein Impact von Kunstinstitutionen sein, eine kollektive Resilienz durch die Auseinandersetzung mit Kunst & Kultur mitaufzubauen.

Improvisation


Was wir momentan auch erleben: Es wird wieder mehr improvisiert. Ausprobieren, einfach machen, ohne lange Planungszeiten, ohne grosse finanzielle Mittel. Kreativität und Improvisation liegen nahe beisammen. Auch die Improvisation ist ein Wechselspiel neuronaler Aktivitäten im Gehirn, ein Wechselspiel zwischen freien Lauf lassen und zugleich kontrollieren, zwischen Spontaneität und Regeln. Improvisation entsteht weder achtlos, noch zufällig, und kann zu Innovationen und zu Höchstleistungen führen, weswegen sie oft auch als die höchste Form der Kunst bezeichnet wird. Ein Beispiel dafür ist die Jazzimprovisation: „Composing in the moment“. Spontan entwickelte Tonabfolgen werden anhand besonderer Regeln wie etwa der Tonart oder des Tempos zu einem einzigartigen, nicht wiederholbaren Ereignis gebracht. Das ist kein „Pfusch“, sondern erfordert eine hohe fachliche Kompetenz und Exzellenz. Was es auch erfordert – und das bringt uns zurück zur gegenwärtigen Krisensituation -, ist Mut. Den Mut los zulassen, zum Beispiel von der Angst zu versagen oder Fehler zu machen. Genau das passiert jetzt. Weil wir mit einer Situation konfrontiert sind, mit der wir noch keine Erfahrung haben, für die es noch keine Standardlösungen gibt, können wir nichts falsch machen. Wir müssen improvisieren.


Die Fähigkeit zur Improvisation schlummert in uns allen, jedes Kind besitzt sie, ebenso wie Kreativität. Wir verlieren sie nur zumeist im Laufe unseres Lebens, durch Angst vor Fehlern, durch Erwartungsdruck, durch Sozialisierungsprozesse. Kunst- & Kreativschaffende haben die Improvisation kultiviert, nicht nur als höchste Form der Kunst, sondern auch als Lebenseinstellung und Haltung. Davon können wir alle lernen. Wir werden nicht nur in der Krise, sondern auch danach mehr Improvisationskultur brauchen.



Solidarität


Gemeinschaft neu denken und fördern, auch das passiert jetzt in der Krise, im social distancing, so paradox es klingt. Auch hier weisen uns Kunst & Kultur mit ihren ad-hoc Angeboten einen Weg: Es geht darum, die Isolation zu überwinden, ein „Wir“-Gefühl zu erzeugen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu empowern - von den Balkonkonzerten bis zu den Solidaritäts-Webplattformen, die momentan entstehen. Nicht das Ego steht im Vordergrund, sondern das Gemeinwohl, die Solidarität, ungeachtet von sozialen, geografischen und anderen Unterschieden.


Social distancing zwingt uns, persönliche Kontakte zu vermeiden, was aber nicht heißt, vereinsamen zu müssen. Im Gegenteil, wir haben nun endlich wieder Zeit und Lust und Sinn für intensive und reflexive Gespräche, für Zuhören, Austauschen, sich gegenseitig zumindest mental zu unterstützen. Achtsamkeit und Empathie zu entwickeln. Kunst- und Kreativschaffende können uns dabei Anleihen und Inspiration liefern, weil sie mit ihrem Blick auf die Dinge nicht nur vieles hinterfragen, sondern auch neue Perspektiven aufzeigen, neue Wertigkeiten schaffen. Was vorher, im alltäglichen Leistungswahnsinn untergegangen ist, bekommt wieder einen wichtigen Stellenwert: gemeinsame Visionen zu entwickeln und eine solidarische Haltung zu zeigen.


Darin liegt eine grosse Chance für den Kunst- & Kulturbetrieb: Nämlich zu einem Wertewandel und zu einer notwendigen Systemveränderung beizutragen, dort wo wir an unsere Grenzen gekommen sind. Mit gutem Vorbild voranzugehen, sobald der „Wiederaufbau“ beginnt. Nicht zurück zum „Business as usual“, sondern zukunftsorientiert zu einem Umbau der Gesellschaft in Richtung Solidarität, Gemeinwohl, Achtsamkeit, Empathie, Offenheit, Diversität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit beizutragen. Wir können den Wert und Impact von Kunst & Kultur für eine neue Gesellschaft nutzen, und den aufgezeigten Wegen für einen veränderten Umgang miteinander folgen.



Inner well-being


Wenn sich alles verändert, unsere Arbeit, unsere Lebensgewohnheiten, unser Sozialleben, und gleichzeitig alles unsicher und ungewiss ist, vom Ausmass der gegenwärtigen Bedrohung bis zur Entwicklung und den Folgen in der Zukunft, dann müssen wir auch unser innerstes Selbst mehr pflegen und unterstützen. Inner well-being und self-care hilft uns, Resilienz aufzubauen, Solidarität zu zeigen, und einen Impact für andere zu erzielen. Denn für sein inner well-being zu sorgen, ist keine egoistische Haltung, sondern wirkt sich positiv auf unser Umfeld aus, weil wir achtsamer, empathischer, dankbarer und offener werden.


Well-being war bereits vor Corona in vielen Museen Thema. Sich mit Kunst zu befassen oder in einen kreativen Prozess einzutauchen, kann unsere Stimmung, unser Selbstwertgefühl ... unser Wohlbefinden positiv beeinflussen. In der Krise nutzen Kultureinrichtungen wie das Getty, das Metropolitan und das Rijksmuseum den digitalen Raum und regen ihre Communities zur aktiven Auseinandersetzung mit Kunst an. Copyright: hyperallergic.com, via Paul Morris, Getty Museum  

Was braucht es dazu? Reflektieren, in sich gehen – wer bin ich wirklich, was will ich wirklich? Das geht im „business as usual“ meist unter, wo wir vom Leistungsdruck und den Erwartungen anderer getrieben sind. Das bedeutet, sich mit seinen Ängsten und Emotionen auseinanderzusetzen, aber auch die eigenen Potenziale zu erkennen. Was dabei hilft? Meditativen und kreativen Impulsen zu folgen. Zum Beispiel Schreiben, Lesen. Auch hier gibt es derzeit viele Anleihen in der Kunst. Autoren, Musiker und andere Kunstschaffende öffnen digital ihre Tagebücher, schreiben und spielen „Quarantunes“, kreieren und stellen "Coloring Books" zur Verfügung, geben Einblicke in ihre Ängste und Emotionen, und wie ihnen ihre Kreativität hilft damit umzugehen. Sie tun dies nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Künstler ebenso wie Kunstinstitutionen stellen uns Kunst zur Verfügung, um unsere innere Reflexion und unser well-being zu unterstützen.


Schon vor Corona hat man der Beziehung zwischen der Beschäftigung mit Kunst und dem inner well-being zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Sich mit Kunst auseinanderzusetzen oder selber künstlerisch aktiv zu werden, unterstützt das psychische und physische Wohlbefunden, das Selbstwertgefühl, die Fähigkeit Emotionen auszudrücken und Empathie zu entwickeln, und vieles mehr, was mittlerweile auch durch zahlreiche Studien belegt ist. Das wiederum wirkt sich positiv auf das Umfeld aus, und fördert Solidarität, Inklusion, community building. Ein Impact, der auch für Museen und Kulturinstitutionen relevant ist. Die Tate Gallery in London etwa geht hier mit einem umfangreichen „well-being and art“-Programm als gutes Beispiel international voran.


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