• Kerstin Hosa

Mit Freude ins Museum

Aktualisiert: Jan 18

Anke te Heesen, Wissenschaftshistorikerin an der Humboldt-Universität zu Berlin spricht über Museen und universitäre Sammlungen, die Relation zwischen Forschung und Präsentation, Erkenntnisgewinne für den Alltag.


Ein Gastbeitrag von Helga Stattler, vom Institut für Kunst und Wirtschaft


Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums ging aus den Kunstsammlungen des Hauses Habsburg hervor und zählt heute weltweit zu den größten und bedeutendsten ihrer Art.© Kunsthistorisches Museum Wien

Helga Stattler: Welche Bedeutung hat das Thema Museum in deiner wissenschaftlichen Arbeit und vor allem in deinem Erfahrungsschatz?


te Heesen: Für mich war das Museum zunächst kein zentrales Thema, weil mich vor allem Sammlungen interessiert haben. Ich komme von der Wissenschaftsgeschichte her, die Fragen wie, welche Verfahren, welche Praktiken, welche Prozeduren sind Erkenntnis generierend? Wie kommen Tatsachen zustande, welche Bedeutung messen wir bestimmten Daten zu? In diesem Zusammenhang spielt natürlich das Sammeln eine große Rolle. Die Frage danach, wie Sammlungen zustande gekommen sind, stellt sich in verschiedenen Zeiten auch immer wieder neu. Das ganze 19. Jahrhundert war etwa davon bestimmt, inwiefern Forschung oder aber Öffnung und Bildung für den Bürger in Museen voran-getrieben werden sollten. Durch diese Verquickung von Sammlung und Museen sind diese Institutionen für mich zunehmend wichtiger geworden, weil sie sich - ähnlich einer Universität - seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in der Spannung zwischen Forschung und damit auch zurückgezogene Arbeit am Objekt und der Zurschaustellung, der Vermittlung und Präsentation für ein Publikum bewegten.


Cultural Impact: Siehst du das jetzt gleichwertig oder haben sich die Schwerpunkte verschoben zwischen Forschung und Öffnung gegenüber dem Publikum und damit der Vermittlungsaufgabe? Wie schaut der Trend heute aus?


te Heesen: Die Aufgabe eines Museums besteht darin und das hat die ICOM, der International Council of Museums prägnant formuliert, dass sie sowohl der Forschung dienen sollen und der Erkenntnisgewinnung über die Sammlung als auch der Vermittlung. Es ist vornehmlich immer noch eine Öffnung für den Bildungsbürger, man muss schon sehr viel Wissen mitbringen, um in einem Museum nicht vor Ehrfurcht zu erstarren, sondern sich wie selbstverständlich darin zu bewegen. Seit den 1970er Jahren hat es eine Museumsreform gegeben, um die Eintrittsschwelle niedriger zu machen. Das hat sich meines Erachtens in der Gegenwart fast ins Gegenteil verkehrt:


Museen werden heute oftmals aufgefasst als Event-Häuser, als Orte, an denen möglichst viel in kurzer Zeitspanne passieren muss, um die Aufmerksamkeit eines zahlenmäßig zu bemessenden Publikums zu finden. Ich glaube, dass wir – auch vor dem Hintergrund finanzieller Probleme – dabei sind, das Verhältnis umzukehren. Dass Museen viel mehr nach ihrem Schauaspekt gemessen werden als nach ihren Depot- oder Forschungsaspekten.

Cultural Impact: Kannst du mir ein Beispiel nennen, wo ein Forschungsprojekt in einem Museum zu einem Erkenntnisgewinn gekommen ist, der für mich als Besucherin etwas Neues bringt oder meine Einstellung ändert?


te Heesen: Also wenn zum Beispiel am Museum für Naturkunde in Berlin aus dem Archiv heraus eine Forschungsreise des 19. Jahrhunderts genauer dargestellt werden kann, wenn klar wird, welche Pflanzen, welche Tiere, die wir in dem Depot des Museums finden, auf dieser Forschungsreise gesammelt, etikettiert und schließlich überführt wurden; wenn deutlich wird, wie die Person, die mit dieser Expedition beauftragt war, gearbeitet hat und finanziert wurde, dann sagt das etwas darüber aus, wie im 19. Jahrhundert solche Reisen ‚gehandhabt‘ wurden. Wie sehr das mit einer imperialen Geste geschehen ist, oder inwiefern da auch das eigene Vermögen eingesetzt wurde. Das sagt mir, dass diese Dinge, die ich vorher in der Vitrine gesehen habe, nicht einfach von Anfang an da waren, sondern dass sie mühsam hierher getragen wurden, oftmals unter prekären Umständen. Dann verstehe ich, dass unsere Kultur auf vielen verschiedenen historischen Schichten aufbaut. Und der Alltag, der so sehr gegenwartsbezogen ist, wo so wenig mich noch an Geschichte erinnert, viel komplexer zustande gekommen ist, als ich jetzt im nächsten Youtube-Video sehe. Das ist z.B. eine Bildungsaufgabe, die nur Museen und vielleicht noch Universitäten wahrnehmen können und die wichtiger denn je ist.



In ihrer Museumskritik stellt Anke te Heesen unter anderem die Frage: Will die junge Generation noch was vom Museum wissen? Filmszene aus Jean-Luc Godards „Bande á Part“, in der drei junge Menschen den Louvre in weniger als 10 Minuten durchlaufen.


Cultural Impact: Du hast doch einmal selbst die Initiative ergriffen ein Museum ins Leben zu rufen. Was war da der Hintergrund?


te Heesen: Ich habe immer an Forschungsinstitutionen und Universitäten gearbeitet. Und Universitäten besitzen Sammlungen, sie befinden sich teilweise in einem prekären Status. Das hängt mit der Digitalisierung zusammen und auch wie Forschung mit Hilfe von digitalen Daten heute funktioniert. Das ist von Naturwissenschaften zu Geisteswissenschaften vollkommen unterschiedlich. Es gibt in den Naturwissenschaften Sammlungen, die werden mittlerweile nicht mehr beforscht wie das noch vor 30 Jahren gewesen ist. Es gibt Sammlungen in den Geisteswissenschaften, die sind heute genauso wichtig wie zuvor. Mein Ziel war, mit thematischen Ausstellungen in regelmäßigen Abständen immer wieder neu auf diese Sammlungen und ihre unterschiedlichen Zeitschichten hinzuweisen und sie für die Universität aber auch für die Stadt oder vielleicht sogar überregional darzustellen.


Cultural Impact: Was ist der Nutzen für den Bürger?


te Heesen: Einblick in wissenschaftliche Vorhaben zu bekommen, Projekte, Prozesse nachzuverfolgen. Ich nehme jetzt irgendein Beispiel: Eine Ausstellung über Staub. Einerseits bekomme ich die ganze Bandbreite vorgeführt, wie Staub zum Forschungsgegenstand wird, gleichzeitig habe ich aber auch interessante alltags-ethnographische Einblicke darüber, wie Menschen mit Staub umgehen, welche verrückten Projekte es dazu gibt. Es geht mir immer wieder darum, die Verbindung herzustellen zwischen dem was wissenschaftlich erforscht wird und seinem Korrelat im Alltag. Auch Obsessionen und Verrücktheiten ans Licht zu holen, die sich in der Wissenschaft genauso wie in unserem Alltagsleben finden.


Cultural Impact: Zurück nach Tübingen, wo du ja sehr intensiv mit dem Museum beschäftigt warst. Ich erinnere mich noch an die erste Ausstellung. Was war dein Motiv für die Wahl des Themas?


te Heesen: Die erste Ausstellung hieß „auf-zu – Der Schrank in den Wissenschaften“ und mir ging es genau um diese Verbindung. Von Behältern in den Wissenschaften, die enorm wichtig sind, weil sie diffizil durchstrukturiert sind und ganz bestimmten Arbeitsprozessen dienen, bis zu Schummelecken, in die man etwas ablädt, es von außen eine glatte Oberfläche bekommt, aber man schmeißt einfach alles in diesen Schrank rein. Und es ging mir darum, die verschiedenen Schränke zu zeigen und deutlich zu machen, Arbeitsräume und Labore in den Wissenschaften funktionieren ähnlich wie sie es im Haushalt tun.


Cultural Impact: Wenn ich mich an das Plakat erinnere, hat auch Ästhetik in dieser Ausstellung eine große Rolle gespielt, die Objekte waren nicht nur irgendwie ausgestellt. Diese Ausstellung hatte auch Schönheit für mich.


te Heesen: Realisiert haben wir sie auf doppelte Weise in einem ästhetischen Rahmen. Wir haben Künstlerinnen – zwei Fotografinnen – eingeladen, Schränke an der Universität zu fotografieren und wir haben mit Gestaltern zusammengearbeitet, um diese Ausstellung zu planen, zu konzeptionieren und aufzubauen. Mir ging es aber gar nicht so sehr darum einzig die Zusammenarbeit mit Künstlern voranzutreiben, das ist für mich persönlich ein wichtiges Denkmoment, wenn ich im Raum arbeite. Ausstellungen machen heißt ja im Raum zu arbeiten und nicht nur auf dem zweidimensionalen Papier. Was ich unabdingbar finde beim Ausstellung machen ist, dass man nicht erst eine inhaltliche Konzeption erarbeitet über die dann irgendwann eine ästhetische Form gegossen wird, sondern dass von Anfang an die Gestaltung eines Raumes und die Forschung mit den Objekten parallelisiert wird. Weil sich das gegenseitig befruchtet. Also Ästhetik ist für mich nicht das schöne Beiwerk.


Cultural Impact: Aber für das Publikum ist es schon wichtig, dass diese Art der Darstellung von Objekten auch Gefühle auslöst.


te Heesen: Das ist kein „aber“, Freude, Lust, Befriedigung, Verständnis ist die Grundbedingung, dass man überhaupt in eine Ausstellung geht und sie gut findet. Da spielt Gestaltung, Ästhetik, Darstellung, Präsentation eine große Rolle. Wenn sie durchdacht ist, wenn man merkt, da steckt eine Idee dahinter, fühlt man sich eher in der Lage den Faden, den die Ausstellungsmacher mir legen, zu folgen, als wenn es fehlt.


Cultural Impact: Vorhin hast du das Zahlenziel genannt, also die Anzahl der Besucher, das quantitative Ziel. Jetzt ging es aber darum wie die Besucher des Museum oder dieser Ausstellung bereichert rausgehen, etwas erlebt haben.


te Heesen: Genau. Natürlich verstehe ich, dass die Besucherzahlen auch als Erfolgskriterium dienen müssen. In den letzten 30, 40 Jahren werden wir aber zunehmend von Zahlen diktiert und der Erfolg einer Ausstellung bemisst sich fast ausschließlich daran, wie viele Besucher sie gesehen haben. Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir merken, dass das nicht die Bemessungsgrundlage sein kann. In den 1960er, 1970er Jahren hat es angefangen dass man gesagt hat, diese Art der trockenen Darstellung in den Museen, das hält kein Mensch mehr aus. Die Kustoden sind dafür nicht ausgebildet. Das sind Spezialisten, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen und die keine Idee haben, wie sie so etwas an ein Publikum bringen können. Dann hat man angefangen das Ganze zu öffnen. Nicht mehr nur allein davon auszugehen, dass man Objekte nicht berühren darf z.B. und immer nur in kontemplativer Haltung vor einem Objekt sich zu versenken. Das war ein Verständnis- und didaktisches Modell, das als überholt galt, zu Recht. Jetzt hat man aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.


Und Häuser werden hauptsächlich danach beurteilt, nicht nur wie viele Besucher sie haben, sondern auch, ob es interaktive Elemente gibt, Beteiligungen, Vorführungen. Das alles ist richtig, aber ich habe die Sorge, dass das jetzt der alleinige Parameter ist und dass mir die Kontemplation und auch das Innehalten vor dem Gegenstand selbst oft zu kurz kommt.

Cultural Impact: Wenn ich es erklärt bekomme, kann ich dann noch eine eigene Haltung zu dem Objekt gewinnen?


te Heesen: Ja, aber eine eigene Haltung kannst du nur gewinnen, wenn du etwas weißt, wenn du Kenntnisse darüber hast und das würde bedeuten, ich muss darüber auch etwas lesen. Ich kann nicht alles erklärt bekommen. Ich muss mir doch das eine oder andere anlesen bevor ich etwas selbständig betrachten kann. Und dieses sich selbst etwas erarbeiten, das bringen die wenigsten Leute, die ins Museum gehen, als Haltung noch mit.


Für viele Museen gilt: maximale Aufmerksamkeit und Besucherzahlen zu erreichen. Anke te Heesen fürchtet, dass Kontemplation und Museen hingegen zu kurz kommen. © New York Times, M. Appelton

Cultural Impact: Wenn du es realisieren könntest, was würdest du tun um jenen die interessiert sind einen besseren Zugang zu verschaffen?


te Heesen: Ich würde drei Dinge tun: Ich würde nicht mehr so viel in spektakuläre Ausstellungen investieren an Kraft und Aufmerksamkeit. Diese spektakulären Ausstellungen sind für manche Häuser wichtig, große Namen, große Sammlungen die man irgendwohin holt, große Ereignisse. Ich rede jetzt von einer Utopie und nicht von der Aufmerksamkeitsgesellschaft in der wir nun sind. Meine Utopie wäre, an dieser Stelle weniger Geld zu versenken. Ich würde das Aufsichtspersonal eigens schulen und diesen Beruf besser bezahlen.

Ich würde sie zu spontanen Erklärungen befähigen und dazu, Kontakt mit den Besuchern aufzunehmen und im Bedarfsfall Dinge erklären zu können. Dass im Prinzip jederzeit Mikro-Führungen verfügbar sind. Wenn ich als interessierte Besucherin durch dieses Haus gehe und rechts und links Fragen stellen kann. Ich habe das vor einigen Jahren in Frankreich als viel selbstverständlicher als in Deutschland wahrgenommen: Dass das Museumspersonal nicht nur damit beschäftigt war grimmig dreinzublicken, um Leute davon abzuhalten zu nah an ein Gemälde heranzutreten. Das ist ein großes Potenzial.

Ich würde ein groß angelegtes Schulprogramm initiieren, wo ich mit Schulklassen nicht nur in Museen gehen würde, sondern wo Kustoden mit ihren Objekten in die Schulen gehen und das selbstverständlicher Teil der Grundschul- und höheren Schulausbildung wird. Eine Schwelle kann man nicht niedriger machen, wenn man noch mehr Bildschirme in einen Museumsraum packt, sondern wenn das Museum als selbstver-ständlicher Teil meines Lebens von Anfang an eingebaut ist. Und da sind die Schulen das große Potenzial, das wir besitzen, um Kinder zu erreichen.


Cultural Impact: Was bräuchten Museen um ihre unerfüllten Wünsche zu erfüllen? Braucht es neue Museen? Ist es sinnvoll das Angebot zu vermehren oder sollen die Bestehenden anders unterstützt werden?


te Heesen: Museen sind Teil der kommerziellen Kultur geworden. Neue Museumsgründungen sind meist Stiftungen von privaten Sammlern im Kunstbereich oder auch Stiftungen von Häusern, von der Architektur oder der Sammlung. Und es hat eine Privatisierung im Museumsbereich stattgefunden bis dahin, dass Museen, nicht nur seit Bilbao, Infrastrukturprojekte geworden sind und Regionen aufwerten, weil der Jetset, der Billigflügler zu diesen Kulturereignissen hinkommt.


Auf mehreren Ebenen sind das Kommerziali-sierungs- und Kapitalisierungsprozesse, die sich nicht nur im Museum abspielen, aber u.a. das Museum stark betreffen. Dieses Rad kann ich nicht ohne weiteres zurückdrehen. Aber ich kann es kritisieren und ich kann Gegenvorschläge machen.

Cultural Impact: Welche Auswirkungen hat das auf die bestehenden Museen?


te Heesen: Eine Diversifizierung der Landschaft, wo ich tausende Möglichkeiten habe und entscheiden muss, bevor ich mich am Sonntagmorgen aufs Rad setzte. Ich kann da gar nicht viel dazu sagen. Erstens kenne ich laufende Museumsbetriebe zu wenig. Ich betrachte das ja eher von außen. Das sind Fragen, die muss man Praktikern stellen und mit ihnen darüber reden. Das wäre eine interessante Diskussion.


Anke te Heesen ist eine deutsche Wissenschaftshistorikerin und Kuratorin. Sie lehrt Wissenschaftsgeschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte der Bildung und Organisation des Wissens an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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