• Kerstin Hosa

Neuer Blick auf Kunst und Kultur

Aktualisiert: Jan 18

Tulga Beyerle, die Direktorin des Kunst und Gewerbe Museums Hamburg über post-koloniale Debatten, Erwartungshaltungen an Museen und Ausstellungen die berühren.


Das Interview führte Doris Rothauer


Tulga Beyerle und ihr Team wollen das Publikum in den Diskurs einbinden. Die Ausstellung Social Design ist so ein aktivierendes Projekt: erstmals nimmt das MKG die Rolle als zivilgesellschaftlicher Akteur ein und setzt Impuse. Ganz in diesem Sinn hat das Museum das Nachbarschaftsprojekt ARGE unmittelbare Nachbarschaft initiiert, deren laufender Prozess in der Ausstellung abgebildet wird. © Michaela Hille

Cultural Impact: Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Museen aktuell konfrontiert sind?


Beyerle: Ein großes Problem ist die Ressourcenknappheit. Es ist gerade hier in Deutschland sehr viel Personal eingespart worden, die Basisförderung wurde über Jahre kaum erhöht, gleichzeitig sind neue Aufgaben hinzugekommen. In unserem Haus heißt das konkret: fehlendes Personal für die Kernaufgaben Restaurierung und Sammlungsverwaltung, aber auch viele andere Bereiche. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Marketing und Presse, Bereiche, die in der Regel ebenfalls unterbesetzt sind. Wir sollen möglichst viele Ausstellungen machen, eine Vielfalt an Aktivitäten bieten, um die gewünschten Besucherzahlen zu erreichen, gleichzeitig ist es unsere ethische Verantwortung zu sammeln, zu bewahren und zu forschen. Ein großer Spagat! Das gleiche gilt für die Vermittlung. Auch hier steigen die Erwartungen und Anforderungen, aber werden nicht in neuen Stellen abgebildet. Die Unterbesetzung ist ein dauerhafter Stress.


Cultural Impact: Wie geht man damit um, welche Lösungsansätze gibt es?


Beyerle: Es ist schwierig, ehrgeizige Kolleg_innen in ihrem Ehrgeiz zu stoppen, der sie letztlich überfordert. Was man machen kann, abseits der Akquisition von Drittmitteln, ist Prioritäten setzen, sich überlegen was machen wir nicht, auch wenn das in einem Spannungsverhältnis zu den Erwartungshaltungen von außen, vor allem von Seiten der Geldgeber, steht.


Cultural Impact: Wenn Sie Erwartungshaltungen ansprechen, was ist denn die Erwartung der Besucher_innen und der Öffentlichkeit an die Rolle und die Aufgaben des Museums heute, hat sich das verändert und wo geht das in Zukunft hin?


Beyerle: Museen heute stehen unter einem starken Veränderungsdruck. Interessanterweise sind es gerade die kleineren Museen, die agiler sind, sich überlegen, wie setzen wir uns mit Veränderungen im Umfeld auseinander, wie gehen wir mit unserem Publikum um, wie können wir es anders als bisher einbinden. Klassische Kunstmuseen sehen bislang relativ wenig Anlass, etwas in ihrer Arbeit und Rolle zu verändern. Die völkerkundlichen und angewandten Museen sind eher gefordert, ihre Rolle neu zu überdenken, nicht zuletzt unter dem Druck einer postkolonialen Debatte, die ihnen gar keine andere Wahl lässt. Sie müssen sich einer „Multistimmlichkeit“ stellen, sie sind stärker verbunden mit den Ursprungsinhabern ihrer Sammlungen, den Völkern und Kulturen, aus denen die Bestände stammen, und müssen die traditionellen, kolonialistischen Präsentations- und Vermittlungsmethoden komplett ändern. Wir, als angewandtes Museum, müssen uns wiederum der Frage stellen, was tun wir mit all unseren Objekten, den Sesseln, dem Porzellan. Kunstmuseen verfolgen demgegenüber ein elitäres Kunstverständnis, was lautet, jeder will Kunst sehen und Kunst ist per se zu schätzen.


Bewohnerfreundliche Städte, menschenwürdige Unterkünfte für Geflüchtete, nachbarschaftliches Gärtnern, Technikwerkstätten für alle, ein Solarkiosk oder ein mobiler Schlafwagen für Obdachlose: Immer mehr Menschen engagieren sich weltweit privat oder beruflich, weil sie etwas verändern wollen. Die Impulse kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, auch von Museen. © Andreas Spiess, SOLARKIOSK AG

Cultural Impact: Über welche Kanäle kommt der Druck von außen? Sind es die Medien? Sind es Besucher_innen, die sagen, so geht es nicht mehr? Worin manifestiert sich der Druck?


Beyerle: Zum Teil kommt der Druck ganz klar über die Medien, aber auch über die Forschung, etwa bei den völkerkundlichen Museen. Hier in Deutschland ist es nicht zuletzt das neu eröffnete Humboldt Forum, das eine breite mediale Diskussion über Museen ausgelöst hat. In unserem Fall ist es eher die selbstkritische Reflexion, die Fragen der Veränderung aufwirft, sowie mein Interesse, in Richtung zeitgenössischen Diskurs zu gehen, dem Design einen größeren Fokus einzuräumen, Dialoge zwischen Materialien, Epochen, Kulturen herzustellen, statt klassisch kunsthistorisch zu präsentieren.


Cultural Impact: Warum hält sich die tendenziell elitäre Haltung der Kunstmuseen?


Beyerle: Das resultiert zunächst aus der unausgesprochenen Hierarchie der Künste, die angewandten Disziplinen sind weiter unten angesiedelt. Die Kunstgeschichte wird schon sehr lange geschrieben, die Designgeschichte ist viel jünger. Obwohl es in dieser Hierarchie auch Widersprüche gibt: Wenn ein Medici vererbt hat, dann waren die wertvollsten Erbstücke immer die kunsthandwerklichen Gegenstände, nicht die Bilder. Die Vorrangstellung der bildenden Künste wird zudem durch den Diskurs des 20.Jahrhunderts unterstützt, was ist Kunst und darf ich das überhaupt in Frage stellen. Auch das fehlt im Design, wo es immer auch um Funktionalität, Gebrauch und Nutzen geht.


Demgegenüber nimmt die Kunst für sich in Anspruch autark zu sein, keinen Nutzen haben zu müssen, keine Wirkung erzielen zu müssen.

Cultural Impact: Stichwort Wirkung: Kann und soll ein Museum heute – unabhängig von der Art des Museums, seiner Sammlung, seiner Größe – in die Gesellschaft wirken, zu gesellschaftlicher Veränderung und Weiterentwicklung beitragen? Oder, wie wir es bezeichnen, wirkungsorientiert agieren?


Beyerle: Meiner Meinung nach hat die Art von Produktionsmaschine, zu der Museen generell geworden sind, der zermürbende Verdrängungswettbewerb – wer macht die noch bessere, wichtigere, größere Ausstellung - uns von unserer gesellschaftlichen und kulturellen Verantwortung weggeführt. Wir leben ja von Steuergeldern, und dann muss ich mich natürlich auch fragen, was tun wir damit und was geben wir an die Gesellschaft zurück? In einer Welt der zunehmenden Geschwindigkeit und eines extremen Überangebotes sehe ich unsere Verantwortung darin, mit Menschen in einen Austausch zu kommen, der ihnen einen Mehrwert bietet. Das heißt nicht, dass ich es nicht spannend und wichtig finde, viele gute Ausstellungen zu machen! Eine gute Ausstellung kann blickerweiternd sein, kann dir etwas erzählen, wovon du noch nie gehört hast und das dich nachhaltig beeindruckt.


Man kann in Ausstellungen auf Werke und Objekte stoßen, die tief berührend sind, sodass man mit einem anderen Verständnis oder einer anderen Emotion rausgeht. Aber das ist nicht das Einzige.

Cultural Impact: Wie kann man gesellschaftliche Verantwortung leben, aus der reinen Leistungsorientierung rauskommen?


Beyerle: Indem man sich zum Beispiel den Gründungsgedanken ansieht, zum Ursprung zurückgeht. Indem man die Qualität des Diskurses über das, was man tut, hebt, das Publikum in den Diskurs einbindet, weil er uns alle angeht. Es gibt eine Sehnsucht im Menschen, tiefer zu gehen, nicht nur oberflächlich zu konsumieren. Die Qualität des „Erlebnisses“ – und da spreche ich nicht von Events und Eventisierung – ist ganz ausschlaggebend.


Cultural Impact: Kann Wirkungsorientierung eine Antwort auf die Herausforderungen sein, wie sie zu Beginn unseres Gespräches angeführt wurden?


Tulga Beyerle plädiert dafür, die Arbeit im Museum zu entschleunigen. Zürcher Hochschule der Künste / Karin Seiler, Antonio Scarponi, Martin Bölsterli, Hic et Nunc, seit 2016, © ZHdK

Beyerle: Das Ressourcenproblem, unseren Personalmangel löst es nicht. Ich kann natürlich meine Stakeholder überreden, dass wir das Publikum anders ansprechen, mehr einbinden, es einladen als kritische Freund_innen mitzugestalten, und vieles mehr. Aber auch dafür brauche ich Ressourcen. Was ich aber schon glaube, ist dass wir innerhalb unserer Arbeit eine andere Befriedigung bekommen, sich Wirkung auch nach innen, gegenüber den Mitarbeiter_Innen entfalten kann, wenn wir uns darum bemühen unsere Arbeit zu entschleunigen, weniger auf schnellen Output zu konzentrieren, sondern uns immer wieder befragen, was und warum wir es tun. Und das ist ebenfalls eine wichtige Wirkung!


Cultural Impact: Kann man mit Wirkungsorientierung neue Fördergeber ansprechen, an andere Geldmittel rankommen? Zum Beispiel aus der Stiftungslandschaft im Sozialbereich?


Beyerle: Die Schwierigkeit, die ich dabei sehe, ist die mangelnde Erfahrung im kulturellen Bereich, mit unserer Sprache, mit unserer Art des Arbeitens. Da braucht es noch einen Kulturwandel, einen veränderten Blick auf die Rolle von Kunst & Kultur.


Tulga Beyerle leitet seit Dezember 2018 das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Die gelernte Schreinerin hat davor vier Jahre lang das Kunstgewerbemuseum in Dresden gemanagt. Tulga studierte Industriedesign, lehrte in Wien und war die Co-Gründerin der Vienna Design Week.


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